Mittelalter

Geld und Handel zur Zeit des Silberpfennigs


Mittelalter: Handel und Geldwirtschaft

Ungarischer Denar, Andreas I.

Ungarischer Denar,
Andreas I. (1046 bis 1060) 

Brakteat, Otto I., Brandenburg

Brakteat – Hohlpfennig,
Otto I. (1157 bis 1184),
Brandenburg 

Die Ostgebiete des Frankenreichs blieben von der Entwicklung des karolingischen Geldwesens anfangs weitgehend unberührt. Zwar herrschte entlang der Donau lebhafter Handel, Münzgeld spielte aber nur eine untergeordnete Rolle. Zahlungen erfolgten meist in Metallbarren oder mit Warengeld. Die Raffelstetter Zollordnung (904 bis 906) – sie regelte den Handelsverkehr zwischen dem bayerischen Ostland und den angrenzenden slawischen Völkern – legte Abgaben für den grenznahen Verkehr bei teilbaren Gütern in Waren, bei unteilbaren Gütern wie Sklaven und Tiere hingegen in Geldbeträgen fest. Eine Sklavin oder ein Hengst war mit einem Tremissis (10 Pfennige) bewertet, ein Sklave oder eine Stute mit einer Saiga (5 Pfennige). Bei den genannten Beträgen scheint es sich aber, da ein geregelter Münzumlauf noch fehlte, nicht um Münzen im eigentlichen Sinn gehandelt zu haben, sondern um Zählwerte für eine bestimmte Menge Edelmetall.

 

Stärkere Verbreitung fand Münzgeld in den östlichen Marken des Frankenreichs erst wieder Ende des 10. und im Laufe des 11. Jahrhunderts. Vor allem die neu eingerichtete Pilgerstraße entlang der Donau brachte eine Belebung der Geldwirtschaft. Zum einen wurde der Geldzufluss aus dem Osten erleichtert, zum anderen brachten christliche Wallfahrer Geld aus dem Westen in den österreichischen Raum. Über das Burgenland bis nach Niederösterreich verbreiteten sich in dieser Zeit leichtgewichtige Pfennige aus Ungarn, wo Stephan I. (997 bis 1038) um 1010 mit der Münzprägung begonnen hatte. Deutsche Denare gelangten im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Ungarn und dem Deutschen Reich in die österreichischen Gebiete.



Erste Münzprägungen im österreichischen Raum

30 Pfennige

30 Pfennige – 1 „langer“ Schilling.
Das karolingische Pfund wurde unterteilt in 240 Pfennige oder 20 Schillinge zu je 12 Pfennigen. 

Kremser Pfennig, Friedrich I.

Kremser Pfennig,
Friedrich I. (1194 bis 1198)
oder Leopold VI. (1198 bis 1230) 

Pfennige, Münzstätte Neunkirchen

Pfennige, Münzstätte Neunkirchen,
Abtei Formbach, um 1145 

Die ersten Prägungen auf österreichischem Boden stammten von Bayernherzog Arnulf (911 bis 937). Zur Finanzierung der Kriegskosten im Konflikt mit König Konrad I. von Franken (911 bis 918) ließ er 916 in Salzburg Münzen nach Regensburger Vorbild herstellen. Eine regelmäßige Prägetätigkeit wurde erst knapp hundert Jahre später um 1010 aufgenommen, als König Heinrich II. das Münzrecht zur Hälfte an den Salzburger Erzbischof Hartwig (991 bis 1023) abtrat.

 

Die Salzburger Denare wurden nach dem Regensburger Rechnungssystem gezählt (Regensburg war Ende des 9. Jahrhunderts als erste karolingische Münzstätte östlich des Rheins eingerichtet worden und behielt bis etwa 1200 eine beherrschende Stellung im Donauraum). Im Unterschied zur karolingischen Einteilung des Pfundes in 20 Schillinge zu 12 Pfennigen unterteilte dieses das Pfund in 8 „lange“ Schillinge zu 30 Pfennigen. Der Grund dafür dürfte im Donauhandel liegen, da hier vermutlich noch byzantinische und arabische Goldstücke in Umlauf waren, die 30 karolingischen Denaren gleichgesetzt wurden.

 

Die Babenberger, seit 976 Landesherrn der Markgrafschaft Österreich, dürften um 1110/1120 in Krems unter Leopold III. (1095 bis 1136) mit der Prägung von Pfennigen begonnen haben. Neben Krems gab es noch eine Münzstätte in Neunkirchen, die von den Grafen Formbach-Pütten und den Äbten des Klosters Formbach betrieben wurde. Nach dem Aussterben der Formbacher fiel sie an die steirischen Otakare und wurde nach Bad Fischau verlegt.

 

Der Kremser Pfennig konnte sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als eines der einflussreichsten Zahlungsmittel im Donauraum behaupten. In den Münzbildern wiesen sie große Ähnlichkeiten mit ihrem Vorbild, dem Regensburger Denar auf.



Friesacher Pfennig: Handelsmünze

Friesacher Pfennig, Eberhard II.

Friesacher Pfennig,
Eberhard II.,
Erzbischof von Salzburg (1200 bis 1246) 

Friesacher Pfennig, Münzstätte Pettau an der Drau

Friesacher Pfennig,
Münzstätte Pettau an der Drau,
Eberhard II.,
Erzbischof von Salzburg (1200 bis 1246)
und Leopold VI. (1198 bis 1230) 

Neben den Kremser Pfennigen gelangten im 12. Jahrhundert die Friesacher Pfennige zu besonderer währungspolitischer Bedeutung. Die zwischen 1125 und 1130 vom Erzbistum Salzburg (Erzbischof Konrad I. 1106 bis 1147) für die südlichen Gebiete eingerichtete Münzstätte Friesach prägte einen Denar, der sich als selbständige Münzgattung durchsetzte und im Unterschied zum Kremser Pfennig nicht dem rheinischen, sondern dem kölnischen Münzfuß folgte.

 

Ausgehend vom Wirtschaftsraum Kärnten, Steiermark und Friaul etablierten sich die Friesacher Prägungen als erste Handelsmünze Südosteuropas. Ihr Einflussbereich erstreckte sich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis nach Kroatien und Ungarn, wo die Denare aus Kärnten bald nachgeahmt wurden und eine Art Oberwährung darstellten. Der Mongoleneinfall von 1241 beendete diese Epoche. Mit dem Rückgang der Handelsbeziehungen verschwand der Friesacher Pfennig im Osten aus dem Verkehr.

 

Im Westen blieb die Münze jedoch weiterhin in Umlauf und diente einer beträchtlichen Zahl geistlicher (Salzburg, Gurk, Bamberg, Aquileia) und weltlicher Fürsten (Herzöge der Steiermark, Grafen von Görz und Herzöge von Kärnten) als Vorbild für eigene Prägungen. Silbermangel, die Konkurrenz der Agleier Pfennige (Prägungen der Patriarchen von Aquileia) und die Münzpolitik der Habsburger – seit 1335 mit Kärnten und Krain belehnt – führten Mitte des 14. Jahrhunderts zur Schließung der Friesacher Münzstätte.



Wiener Pfennig: Regionalisierung

Wiener Pfennig, Friedrich II.

Wiener Pfennig, Friedrich II. (1230 bis 1246) 

Wiener Pfennig, Albrecht II.

Wiener Pfennig,
Albrecht II. (1330 bis 1358) 

Münzgeld wurde bis ins 12. Jahrhundert vorwiegend für den Export benötigt, im alltäglichen Verkehr dominierte der Tauschhandel. Mit der fortschreitenden Arbeitsteilung und der Expansion der Städte erlangte Geld jedoch eine wachsende Bedeutung für regionale Wirtschaftsräume. Urbariale Aufzeichnungen zeigen, dass auch im babenbergischen Österreich anstelle der feudalen Naturalabgaben vermehrt Ablösen in Geld traten. Die zunehmende Monetarisierung der Gesellschaft leitete eine neue Phase der Münzgeschichte ein. Es kam zu einer Regionalisierung des Geldwesens. Der vorwiegend für den Export bestimmte, grenzüberschreitende „Fernhandelsdenar“ wurde durch den regionalen Pfennig abgelöst. Es entstanden bis dahin unbekannte Währungsgrenzen, mit denen die Münzherrn die ausschließliche Verwendung ihrer Prägungen durchzusetzen versuchten.

 

Im babenbergischen Österreich kam die Funktion des regionalen Geldes dem Wiener Pfennig zu. Sein Aufstieg begann mit der Verlegung der Münzstätte von Krems nach Wien Ende des 12. Jahrhunderts. Er diente als Zahlungsmittel für den alltäglichen Geldverkehr und blieb als Währung auch erhalten, als für die Bedürfnisse des wachsenden Handelsverkehrs zunehmend ausländische Großnominale – Goldmünzen wie der venezianische oder florentinische Dukat und Großsilbermünzen wie der Prager Groschen – herangezogen wurden. Im Laufe des 14. Jahrhunderts konnte er sich nahezu im gesamten Raum des heutigen Österreich als Währung etablieren – ausgenommen Tirol und Vorarlberg.



Münzstätten der Babenberger

Gefangennahme Richard I. Löwenherz

Gefangennahme des englischen Königs Richard I. Löwenherz durch Leopold V. (1177 bis 1194) in Erdberg 

Pfennig, Enns, Leopold VI.

Pfennig, Enns, Leopold VI. (1198 bis 1230) oder Friedrich II. (1230 bis 1246) 

Pfennig, Wr. Neustadt, Leopold VI.

Pfennig, Wiener Neustadt, Leopold VI. (1198 bis 1230) oder Friedrich II. (1230 bis 1246) 

Die Babenbergischen Münzstätten verfügten mangels Edelmetallvorkommen im Donauraum über keine eigene Silberbasis. Dies dürfte auch der Grund für die späte Einrichtung der ersten eigenen Münzstätte in Krems gewesen sein. Diese wurde 1193/94 durch die neu errichtete Münzstätte in Wien abgelöst. Eine wichtige Rolle spielte dabei – neben dem Erwerb der Steiermark 1192, durch den das günstiger gelegene Wien aufgewertet wurde – das für die Freilassung des englischen Königs Richard Löwenherz erpresste Lösegeld.

 

Richard Löwenherz war auf der Rückreise von einem Kreuzzug durch den Besitz von Goldmünzen verdächtig erschienen und in Erdberg bei Wien festgenommen worden. Herzog Leopold V. (1177 bis 1194) und Kaiser Heinrich VI. (1190 bis 1197) forderten für ihren Gefangenen 100.000 Mark Silber Kölner Gewichts, eine für die damalige Zeit unerhörte Summe, die die Jahreseinnahmen des österreichischen Herzoges an Steuern und Abgaben (etwa 60.000 Mark Silber) weit überstieg. Leopolds Anteil in der Höhe von 50.000 Mark – etwa 12 Tonnen Silber – erleichterte vorübergehend den chronischen Mangel an Edelmetall. Das Lösegeld wurde – soweit es nicht in die Wiener Münzprägung floss – zur Erneuerung der Befestigungsanlagen von Enns und Hainburg, zur Stadterweiterung Wiens und zur Gründung von Wiener Neustadt verwendet.

 

Prägestätte des Wiener Pfennigs war neben Wien die ebenfalls zum Herrschaftsbereich der Babenberger gehörende Münze Enns, ehe Herzog Friedrich II. der Streitbare (1230 bis 1246) während seines Konflikts mit Kaiser Friedrich II. ein drittes Münzamt in Wiener Neustadt einrichtete. Jedes dieser Münzämter kennzeichnete seine Prägungen durch eigene Reversbilder, Wien mit Adler, Löwe und Einhorn, Enns mit Engelsbrustbild, Hirsch und Panther, Wiener Neustadt mit Greif und Drachenwesen.



Grazer Pfennig

Pfennig, Graz, Przemysl Ottokar II.

Pfennig, Graz, Przemysl Ottokar II. (1251 bis 1276) 

Pfennig, Graz, Leopold VI.

Pfennig, Graz,
Leopold VI. (1195 bis 1230) 

Münzmodell Grazer Pfennig, Otakar II.

Münzmodell Grazer Pfennig, Otakar II. (1260 bis 1276) (Arnold Luschin von Ebengreuth) 

Neben dem Wiener Pfennig nahm in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts das steirische Münzwesen einen deutlichen Aufschwung. Maßgebend dafür dürfte die bessere Versorgung mit Edelmetall gewesen sein. Die Steiermark verfügte über eigene, schon von den Habsburgern ausgebeutete Silbervorkommen in Oberzeiring. Dort wurde um 1265 eine zweite Münzstätte neben Graz eingerichtet. Zudem bezog die Steiermark das Silber aus den Minen Ungarns, dessen Reichsverwaltung es – nach dem Tod des letzten Babenbergers, Herzog Friedrich II. – ab 1246 unterstellt war. Zur Belebung der Geldwirtschaft im steirischen Raum trug darüber hinaus die Politik von König Ottokar II. (1251 bis 1276) von Böhmen bei, der 1261 mit der Steiermark belehnt worden war und in besonderem Maße die Entwicklung der Städte und Märkte förderte.

 

Die in den Münzstätten Graz und Oberzeiring produzierten Grazer Pfennige konnten sich als eigenständige Landeswährung behaupten. Die Prägungen, anfangs nach dem Vorbild des Friesacher Pfennig gestaltet, trugen die Aufschriften „MUNE GRETZ“ und „SCHILT VON STEIR“. Sie gelten als älteste Beispiele im süddeutschen Raum für die Verwendung der Landessprache auf Münzen.

 

Das ungarische Ausfuhrverbot für Silber von 1325 und das Versiegen des Silbervorkommen in Oberzeiring schränkten jedoch die Tätigkeit der steirischen Münzstätten zunehmend ein und begünstigten gegen Ende des 14. Jahrhunderts das Vordringen anderer Währungen, vor allem des Wiener Pfennig, aber auch Bayerischer Pfennige. Angesichts der Dominanz der Fremdwährungen verfügte Herzog Ernst von Steiermark 1409 auch in den steirischen Münzstätten „nach Korn, Waag und Aufzahl wie zu Wien“ zu prägen.