Die Analyse von Wettbewerbsindikatoren deutet in einigen der Sektoren, die seit Herbst 2007 die Preisentwicklung bestimmen, auf Wettbewerbsmängel hin, etwa in den Bereichen Elektrizität und Gas, Milchverarbeitung und Apotheken. Weniger deutliche, aber dennoch Hinweise auf Wettbewerbsmängel finden sich in der Herstellung von Ölen und Fetten, im Bekleidungseinzelhandel und bei pharmazeutischen Erzeugnissen.
Im Energiesektor ist der mangelnde Wettbewerb bekannt, wie Dr. Christl betonte. Um sich auf den integrierten europäischen Energiemarkt vorzubereiten, wurden große Unternehmen geschaffen. Der integrierte europäische Energiemarkt ist aber noch weit entfernt. Zudem wechseln Konsumenten aufgrund hoher wahrgenommener Wechselkosten bzw. wenig aggressiver Kundengewinnungsstrategien der Energieversorger wenig zwischen den einzelnen Energieanbietern.
Der Lebensmitteleinzelhandel in Österreich ist grundsätzlich sehr wettbewerbsintensiv, marktwirtschaftlich legitime Unternehmensstrategiewechsel dürften aber zu den Preisentwicklungen beigetragen haben, wie Dr. Christl ausführte. Der sehr intensive Preiswettbewerb in Form von Rabattschlachten in den Jahren 2004 und 2005 wurde beendet. Die Lebensmitteleinzelhandelsketten haben bewusst eine Strategie der Regionalisierung ihres Sortiments und damit eine stärkere Bindung an heimische Produktionsstrukturen gewählt, um deutschen Diskontern zu begegnen. Außerdem haben sich die Hersteller, gefördert durch Exportinitiativen, stärker auf internationale Märkte konzentriert und konnten aufgrund der dortigen Preisentwicklungen Preiserhöhungen gegenüber dem Handel leichter durchsetzen.
Dr. Christl: „Auch wenn die internationalen Faktoren des Preisanstiegs im Vergleich zum hausgemachten Beitrag dominant sind, verfügt die österreichische Wirtschaftspolitik dennoch über Optionen zur Inflationsbekämpfung.“
Etwa könnte eine tiefgreifende Verbesserung der Wettbewerbspolitik (z. B. mehr Ressourcen für die Bundes-Wettbewerbsbehörde) den Wettbewerb allgemein stärken. Im Energiebereich sollte weiter am integrierten europäischen Energiemarkt gearbeitet und die thermische Sanierung von Altgebäuden sowie die verpflichtende energiesparende Bauweise neuer Gebäude noch stärker forciert werden. Der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel würde den Treibstoffverbrauch senken und somit das Gewicht von Treibstoffen im HVPI reduzieren.
Das Inflationsdämpfungspotenzial bei Nahrungsmitteln und bei Treibstoffen ist wegen der internationalen Marktentwicklung gering. Daher sollte sich die Wirtschaftspolitik verstärkt dem Dienstleistungssektor zuwenden, der Österreichs Inflation über Jahrzehnte bestimmt hat. Zu diesem Zweck könnten Regulierungsanpassungen ausgearbeitet werden, die mehr Wettbewerb ermöglichen: etwa bei Maklern oder Hausverwaltungen, aber auch bei freien Berufen, in der Gewerbeordnung und bei Qualifikationsregelungen. Weiters sollte die Preistransparenz bei Dienstleistungen gestärkt werden, um so Such- und Wechselkosten für Konsumenten zu reduzieren: ein häufigerer Anbieterwechsel z. B. bei Banken oder Versicherungen würde auch diese zu einer stärkeren Wettbewerbsorientierung veranlassen.
Laut einer weiteren OeNB Studie dürfte die Konjunktur- bzw. Nachfrageentwicklung nur einen geringen bis gar keinen Einfluss auf die gegenwärtige Inflationsentwicklung haben. Zum einen hat der Einfluss der Nachfrage auf die Inflationsentwicklung in Österreich, wie auch in anderen Ländern des Euroraums, seit den 70er Jahren stetig abgenommen. Im Gegenzug dürften externe und heimische Angebotsfaktoren für die Inflationsentwicklung wichtiger geworden sein. „Zum anderen ist die Produktionslücke – als Maß für den Nachfrageüberhang – in Österreich derzeit nur geringfügig positiv, so dass, auch wenn noch ein merkbarer Einfluss gegeben wäre, derzeit kein Inflationsimpuls von der Nachfrageseite ausgeht“, schloss Dr. Christl.