Die OeNB veröffentlicht zwei Mal im Jahr (im Juni und Dezember) eine gesamtwirtschaftliche Prognose für Österreich, deren zentrales Ergebnis die Einschätzung des zukünftigen Wachstums des Bruttoinlandproduktes und seiner Komponenten sowie der Preisentwicklung im laufenden und in den nächsten zwei Jahren ist. Die Prognose wird in Zusammenarbeit mit den anderen Nationalen Zentralbanken des Eurosystems und der EZB erstellt und fließt in die gesamtwirtschaftlichen Projektionen für den Euroraum ein. Die gesamtwirtschaftlichen Projektionen für den Euroraum dienen dem EZB-Rat im Rahmen der zweiten Säule der Geldpolitik als eine wichtige Entscheidungsgrundlage. Sie sammeln und komprimieren vorhandene Informationen über die aktuelle und zukünftige wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum und in den einzelnen Mitgliedsländern.
Die gesamtwirtschaftliche Prognose der OeNB wird mit Hilfe eines makroökonomischen Quartalsmodells für Österreich erstellt, das im Gegensatz zu den üblichen Jahresmodellen anderer Institutionen den Vorteil aufweist, die unterjährige Dynamik (das heißt den Quartalsverlauf) der einzelnen Prognosekomponenten abzubilden.
Die halbjährlichen gesamtwirtschaftlichen Projektionen für den Euroraum werden im Wesentlichen in drei Entwicklungsschritten erstellt. Zunächst einigen sich die Experten der EZB und der Nationalen Zentralbanken des Eurosystems und der EZB auf gemeinsame externe Annahmen. Darauf aufbauend erstellen die Nationalen Zentralbanken Prognosen jeweils für ihr Land. Im Anschluss daran werden durch Aggregation dieser Länderprognosen die gesamtwirtschaftlichen Projektionen für den Euroraum erstellt. Schließlich wird ein Bericht an den EZB-Rat erstellt. Danach werden die Projektionen für den Euroraum im Monatsbericht der EZB, die gesamtwirtschaftliche Prognose der OeNB in Geldpolitik & Wirtschaft sowie auf der Homepage der OeNB veröffentlicht.
- Erster Schritt: Am Beginn jeder Prognoserunde werden die technischen Annahmen bezüglich der kurz- und langfristigen Zinsen, der Wechselkurse und der Rohstoffpreise festgelegt. Die langfristigen Zinssätze orientieren sich an den Markterwartungen für Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren. Die kurzfristigen Zinsen (Drei-Monats Euribor) werden basierend auf dem Verlauf der langfristigen Zinsen ermittelt. Die zukünftigen Wechselkurse werden auf dem durchschnittlichen Niveau der letzten Tage vor dem Beginn der Prognose fixiert und bleiben über den Prognosezeitraum unverändert. Die Annahmen bezüglich der Ölpreise und der Preise für andere Rohstoffe folgen den Terminkursen. Der Festlegung der außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, wie z. B. des Wachstums in den USA, geht eine ausführliche Diskussion zwischen den Experten der EZB und der Nationalen Zentralbanken voraus, mit dem Ziel, das vorhandene Expertenwissen im Eurosystem optimal zu nutzen. Die OeNB kann hier auch ihr besonderes Expertenwissen zu Zentral- und Osteuropa einbringen. Die Prognosen der anderen Nationalen Zentralbanken des Euroraums und damit insbesondere die Prognosen für Deutschland und Italien fließen ebenfalls als externe Annahme in die Österreich-Prognose ein.
- Zweiter Schritt: Nach der Festlegung der externen Annahmen erstellen die Experten der OeNB eine gesamtwirtschaftliche Prognose für Österreich. Mit Hilfe eines makroökonomischen Modells werden das BIP-Wachstum, die Aussichten für den Arbeitsmarkt sowie die Preis- und Kostenentwicklung für das laufende und die nächsten beiden Jahre prognostiziert. Das BIP-Wachstum ergibt sich aus der Prognose seiner verwendungsseitigen Komponenten, d. h. des privaten Konsums, des öffentlichen Konsums, der Exporte und Importe, der Bruttoanlageinvestitionen und der Lagerveränderungen. Auch die Preisentwicklung wird separat für jede Komponente prognostiziert.
- Dritter Schritt: Nach eingehenden Diskussionen der von den Nationalen Zentralbanken erstellten Prognosen durch die Experten des Eurosystems und der Sicherstellung der gegenseitigen Konsistenz wird durch deren Aggregation die gesamtwirtschaftliche Projektion für den Euroraum erstellt. Die gesamtwirtschaftliche Projektion wird gemeinsam mit einem ausführlichen Bericht an den EZB-Rat übermittelt und dient diesem im Rahmen der zweiten Säule der geldpolitischen Strategie als eine wichtige Grundlage für seine geldpolitischen Entscheidungen. Der Veröffentlichung der Euroraum-Projektionen im Monatsbericht der EZB (Juni und Dezember) kommt eine viel beachtete Signalfunktion zu. Die gesamtwirtschaftliche Prognose für Österreich wird zum gleichen Zeitpunkt wie die aggregierte Euroraum-Projektionen der österreichischen Öffentlichkeit vorgestellt. Eine ausführliche Darstellung der Österreich-Prognose findet sich in Geldpolitik und Wirtschaft (jeweils Heft 2 und 4 jedes Jahrganges), kann aber ebenso wie eine Kurzfassung auch über die Hompage der OeNB bezogen werden.
Der gesamtwirtschaftlichen Prognose der OeNB liegen Markterwartungen bezüglich der Entwicklung der langfristigen Zinssätze sowie daraus abgeleitete kurzfristige Zinssätze sowie die technische Annahme unveränderter Wechselkurse zu Grunde. Die Prognose wird bedingt auf diese Annahmen erstellt; d.h sie ist nicht unbedingt als als bester Schätzer der erwarteten zukünftigen Entwicklung zu sehen. Insbesondere gegen Ende des Prognosehorizonts kann daher das Prognoseergebnis vom besten Schätzwert abweichen.
Methodisch lässt sich der gesamtwirtschaftliche Prognoseprozess der OeNB in drei Stufen gliedern. Der Kurzfrist-Prognose für das laufende und das kommende Quartal folgt die eigentliche Prognose mit Hilfe des makroökonomischen Modells. Abschließend werden die Ergebnisse noch entsprechend den Einschätzungen der Experten der OeNB adaptiert, falls dies durch aktuelle Entwicklungen, die nicht durch die Modellgleichungen abgebildet werden können, geboten erscheint.
- Kurzfrist-Prognose: Erster Schritt ist die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation im laufenden und im kommenden Quartal, um einen möglichst guten Überblick über die aktuelle konjunkturelle Situation zu erhalten. Dafür werden zwei zeitreihenbasierte, ökonometrische Modelle verwendet, die die Vorlaufeigenschaft bestimmter makroökonomischer Zeitreihen (z. B. Vertrauensindikatoren) ausnützen. Wichtigstes Ziel dieses ersten Schrittes ist es, mit Hilfe guter „Startwerte“ für das BIP- und Importwachstum die Anzahl der notwendigen Iterationsrunden zur Sicherstellung der gegenseitigen Konsistenz der einzelnen nationalen Länderprognosen des Euroraums zu minimieren.
- Das makroökonomische Modell der OeNB: Für die eigentliche Prognose verwendet die OeNB ein strukturelles ökonometrisches Quartalsmodell. Die das Modell stabilisierenden Langfristbeziehungen basieren auf der Annahme, dass der Output langfristig durch den technologischen Fortschritt und die verfügbaren Inputs Arbeit und Kapital bestimmt wird. Die kurzfristigen Eigenschaften sind weniger theoretisch fundiert, sondern ergeben sich aus den historischen Daten und deren Prognoseeigenschaften und spiegeln die Rigiditäten auf den Märkten wider. In Übereinstimmung mit der EZB wird bei keiner der Gleichungen ein vorausschauendes Verhalten der Wirtschaftsakteure angenommen. Das Modell wird laufend erweitert und aktualisiert. Die aktuelle Version besteht aus 146 Variablen und 128 Gleichungen (Verhaltens- und Definitionsgleichungen). Das OeNB-Modell ist gegenwärtig das einzige makroökonomische Modell für Österreich, das mit Quartalsdaten arbeitet und für Prognosezwecke eingesetzt wird. Anhand des Verlaufs der Quartalswachstumsraten lässt sich – im Gegensatz zu den üblichen Jahreswachstumsraten – die unterjährige Dynamik der einzelnen Prognosekomponenten darstellen.
- Expertenwissen: Zusätzlich zum Einsatz des makroökonomischen Modells ist aber vor allem die Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung durch die Experten der OeNB von zentraler Bedeutung, da ökonometrische Modelle nicht bzw. häufig nur unzureichend in der Lage sind, ungewöhnlichen Ereignissen oder Strukturbrüchen gerecht zu werden. Diese aktuellen Entwicklungen fließen in Form abschließender Anpassungen der Modellergebnisse in die Prognose ein.
Durch Aggregation der einzelnen Länderprognosen der Nationalen Zentralbanken des Eurosystems werden vom EZB-Prognoseteam die gesamtwirtschaftlichen Projektionen für den Euroraum erstellt. Dabei spielt die Konsistenz der einzelnen Prognosen eine wichtige Rolle. Insbesondere muss die Summe der Intra-Euroraum-Exporte jener der Intra-Euroraum-Importe entsprechen, um eine zuverlässige Schätzung für den Euroraum zu erhalten. Um das sicherzustellen, werden die Import- und Exportprognosen der Nationalen Zentralbanken in mehreren Iterationsrunden aufeinander abgestimmt. Dieser Übung kommt insbesondere bei einer kleinen offenen Volkswirtschaft wie Österreich eine zentrale Rolle zu, da die Importnachfrage aus dem Euroraum eine ganz zentrale Bestimmungsvariable für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung ist.
Jede Prognose ist mit Unsicherheit behaftet. Der Grad an Unsicherheit kann jedoch von Prognose zu Prognose stark variieren. Die Darstellung des Prognoserisikos erfolgt durch die Berechnung von Szenarien, die – im Vergleich zur Basislösung – die wirtschaftliche Entwicklung bei geänderten außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen darstellen. Zu den typischen Szenarien gehören alternative Annahmen bezüglich der zukünftigen Entwicklung des Ölpreises, der Wechselkurse oder des Wirtschaftswachstums in anderen bedeutsamen Regionen der Weltwirtschaft, wie z. B. in den USA. Bei der Berechnung der Szenarien werden nicht nur die direkten Effekte z. B. einer Ölpreiserhöhung auf die österreichische Wirtschaft berechnet, sondern auch die indirekten Effekte, die durch Nachfrage- und Preisänderungen in anderen Euroraum Ländern entstehen.