Das vorrangige Ziel der Geldpolitik des Eurosystems ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Diese kann jedoch von einer Zentralbank nicht unmittelbar gesteuert werden, sondern nur durch die Beeinflussung anderer wirtschaftlicher Größen, die in der Folge einen Effekt auf die Inflation haben. Dieser Prozess wird geldpolitischer Transmissionsmechanismus genannt und besteht im Wesentlichen aus der Wirkung der kurzfristigen Zinsen auf die Realwirtschaft und – mit zeitlicher Verzögerung – auf die Inflation.
Zinspolitische Entscheidungen werden folglich im Hinblick auf zukünftige Inflation getroffen und bedürfen eines Rahmenwerks, das Hilfestellungen bei diesen Entscheidungen bietet. Dieses Rahmenwerk wird durch die geldpolitische Strategie gebildet, die alle für die Geldpolitik relevanten Informationen strukturiert, um den EZB-Rat bei seinen Zinsentscheidungen zu unterstützen. Gleichzeitig soll sie auch mithelfen, Zinsentscheidungen der Zentralbank der Öffentlichkeit leicht verständlich vermitteln zu können.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden besteht die geldpolitische Strategie des Eurosystems aus drei Teilen. Kernpunkt ist die quantitative Definition von Preisstabilität, die vorsieht, dass die Inflation im Euroraum mittelfristig unter, aber nahe 2% liegen soll. Die weiteren beiden Teile der Strategie werden durch die zwei Säulen gebildet. Eine Säule, die „wirtschaftliche Analyse“, enthält jene Indikatoren, die Informationen über die kurz- bis mittelfristigen Bestimmungsfaktoren der Preisentwicklung geben. Die andere Säule, die „monetäre Analyse“, enthält monetäre Indikatoren, die es erlauben, die aus der wirtschaftlichen Analyse abgeleiteten kurz- bis mittelfristigen Hinweise für die Geldpolitik aus mittel- bis langfristiger Sicht zu überprüfen.
Die geldpolitische Strategie des Eurosystems
Die geldpolitische Strategie – eine Einführung

Details zur geldpolitischen Strategie
Unter Berücksichtigung der Kenntnisse über den Transmissionsprozess kann die Herausforderung, der sich das Eurosystem gegenübersieht, wie folgt dargestellt werden: Der EZB-Rat muss die Bedingungen am Geldmarkt und damit das Niveau der kurzfristigen Zinssätze beeinflussen, um sicherzustellen, dass die Preisstabilität mittelfristig gewährleistet ist. Dabei ist die Zentralbank fortwährend mit einem hohen Grad an Unsicherheit und mit langen Wirkungsverzögerungen konfrontiert. Dies gilt sowohl bezüglich der Art der wirtschaftlichen Schocks als auch in Bezug auf die Beschaffenheit der Beziehungen zwischen makroökonomischen Variablen. Vor diesem Hintergrund ist es möglich, einige wichtige Merkmale einer erfolgreichen Geldpolitik zu bestimmen. Die Geldpolitik wird erheblich effektiver sein, wenn sie die Inflationserwartungen fest verankert. Dazu sollte die Zentralbank ihr Ziel spezifizieren, ein einheitliches und systematisches Verfahren zur Erreichung dieses Ziels entwickeln, dieses durchgängig anwenden und eine klare und offene Kommunikation betreiben.
Dies ist der Schlüssel zur Erreichung eines hohen Grades an Glaubwürdigkeit, der eine Grundvoraussetzung für die Beeinflussung der Erwartungen der Wirtschaftsteilnehmer ist. Zum anderen schlagen geldpolitische Maßnahmen von heute aufgrund der Wirkungsverzögerungen im Transmissionsprozess erst Quartale oder Jahre später auf das Preisniveau durch. Das bedeutet, dass die Zentralbanken heute den geldpolitischen Kurs bestimmen müssen, der Preisstabilität in der Zukunft gewährleistet, wenn der Transmissionsprozess durchlaufen ist. In diesem Sinne muss Geldpolitik vorausschauend sein. Da es der Geldpolitik aufgrund der Wirkungsverzögerungen des Transmissionsprozesses nicht möglich ist, unerwartete Preisschocks kurzfristig auszugleichen (zum Beispiel solche, die durch Änderungen der internationalen Rohstoffpreise ausgelöst werden), ist eine gewisse kurzfristige Volatilität der Teuerungsraten unvermeidbar. Zusätzlich herrscht aufgrund der Komplexität des Transmissionsprozesses stets große Unsicherheit hinsichtlich der Wirkung geldpolitischer Impulse. Aus diesen Gründen sollte die Geldpolitik mittelfristig ausgerichtet sein, um übertriebenem Aktivismus und unnötiger Volatilität in der Realwirtschaft vorzubeugen.
Schließlich sieht sich das Eurosystem wie jede andere Zentralbank mit erheblicher Unsicherheit unter anderem hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Wirtschaftsindikatoren, der wirtschaftlichen Struktur und des geldpolitischen Transmissionsmechanismus konfrontiert. Eine erfolgreiche Geldpolitik muss daher breit fundiert sein und alle maßgeblichen Informationen berücksichtigen, um die Determinanten der Wirtschaftsentwicklung zu erkennen, und kann sich nicht auf nur ein einziges Wirtschaftsmodell stützen.
Die geldpolitische Strategie des EZB-Rats stellt sicher, dass der EZB-Rat alle relevanten Informationen und Analysen prüft, die er für vorausschauende geldpolitische Beschlüsse benötigt, die die Preisstabilität gewährleisten. Zudem liefert sie einen Rahmen, der es ermöglicht, der Öffentlichkeit geldpolitische Entscheidungen auf klare und transparente Weise zu erläutern.
Der Ansatz des Eurosystems zur Aufbereitung, Bewertung und Gegenprüfung der Informationen, die für die Einschätzung der Risiken für die Preisstabilität von Bedeutung sind, beruht auf zwei analytischen einander ergänzenden Perspektiven, den so genannten zwei „Säulen“.
Die “wirtschaftliche Analyse“ ist auf die Beurteilung der kurz- bis mittelfristigen Bestimmungsfaktoren der Preisentwicklung – mit Schwerpunkt auf realwirtschaftlicher Entwicklung und Finanzierungsbedingungen der Wirtschaft – ausgerichtet. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass die Preisentwicklung über diese Zeithorizonte hinweg weitgehend vom Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage an den Güter-, Dienstleistungs- und Faktormärkten beeinflusst wird.
Die als „monetäre Analyse“ bezeichnete Perspektive konzentriert sich auf einen längeren Horizont und nutzt den langfristigen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen. Die monetäre Analyse dient auch als Mittel zur Überprüfung – aus mittlerer bis langfristiger Perspektive – der aus der wirtschaftlichen Analyse abgeleiteten kurz- bis mittelfristigen Hinweise für die Geldpolitik.
Der Zwei-Säulen-Ansatz soll sicherstellen, dass bei der Bewertung der Preisrisiken keine relevanten Informationen verloren gehen und dass die unterschiedlichen Sichtweisen sowie die Gegenprüfung von Informationen angemessen berücksichtigt werden, um zu einer Gesamtbeurteilung der kurz- und mittelfristigen Risiken für die Preisstabilität zu gelangen.